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Integration

EIGENVERANTWORTUNG STÄRKEN UND FÖRDERN.

Kochen, wandern, bei Bewerbungen helfen. Ziola begleitet langzeitarbeitslose Eltern

Die Wirtschaft in Thüringen hat Fahrt aufgenommen und schafft Arbeitsplätze. Trotzdem drohen manche Menschen den Anschluss zu verlieren: Langzeitarbeitslose, die ein Jahr oder länger ohne Job sind. In der Regel brauchen die Betroffenen Unterstützung – umso mehr, wenn sie Kinder großziehen. Dafür sorgt die „Thüringer Initiative zur Integration und Armutsbekämpfung – Nachhaltigkeit“ (TIZIAN). Sie beauftragt seit 2009 freie Träger, langzeitarbeitslosen Eltern zur Seite zu stehen, finanziell gefördert vom Europäischen Sozialfonds. Einer dieser 29 Träger ist die Ziola GmbH in Eisenach.

„Monate-, manchmal jahrelang keinen festen Job zu finden – das belastet und lähmt fast jeden“, weiß Dr. Anne Röthig, Projektleiterin bei der Ziola GmbH. „Menschen wollen sich gebraucht fühlen, sonst verlieren sie den Mut und das Selbstvertrauen.“ Außerdem seien langzeitarbeitslose Menschen häufig vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen – und ihre Kinder gleich mit. Gemeinsam am Wochenende ins Spaßbad? Gitarrenunterricht? An heißen Tagen Eisbecher spendieren? Was für die meisten Familien in Deutschland selbstverständlich ist, lasse sich mit einem niedrigen Haushaltseinkommen nur selten finanzieren, so Anne Röthig.

Eine Gefahr dabei: Kinder aus sozial benachteiligten Familien wachsen häufig in einer reizarmen Umgebung auf. Anders als viele Gleichaltrige versäumen sie es so, spielerisch wesentliche Fähigkeiten zu erwerben. Dazu gehört etwa, Verantwortung zu übernehmen und das Für und Wider einer Entscheidung abzuwägen. Das verschlechtert ihre Aussichten auf ein freudvolles, selbstbestimmtes Leben und auf beruflichen Erfolg.

Eltern stärken, Kindern Teilhabe ermöglichen

Für die „Thüringer Initiative zur Integration und Armutsbekämpfung – Nachhaltigkeit“ (TIZIAN) begleitet die Ziola GmbH in Eisenach 28 Familien und alleinerziehende Eltern, die von den Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind. „Wir stärken die Eltern, damit sie ihre Tatkraft zurückgewinnen, und regen zu Unternehmungen mit den Kindern an“, beschreibt Projektleiterin Anne Röthig ihren Auftrag. „Unter anderem fördern wir Kompetenzen, helfen bei der Jobsuche und zeigen, wie Kinder auch mit wenig Geld einen unvergesslichen Nachmittag genießen können.“

Was das konkret bedeutet, kommt auf den Einzelnen an, ergänzt die Sozialpädagogin Nancy Deskau, die als Integrationscoach zu Anne Röthigs Team gehört. „Mit der einen erstellen wir einen Haushaltsplan, damit sie besser mit ihrem Geld auskommt. Dem anderen helfen wir, Initiativbewerbungen zu schreiben. Wieder eine andere hat nie kochen gelernt und freut sich über ein bisschen Nachhilfe.“ Regelmäßig lädt die Ziola GmbH langzeitarbeitslose Eltern mit ihren Kindern ein, gemeinsam einfache Gerichte zuzubereiten. Die Zutaten sind preisgünstig und tragen zu einer ausgewogenen Ernährung bei. Der erwünschte Nebeneffekt: ein geselliges Zusammensein.

Nancy Deskau

Erziehung thematisieren

Häufig machen die Integrationscoaches von Ziola aber auch Hausbesuche, sofern die Familien einverstanden sind. In vertraulichen Gesprächen kann es ernst werden, berichtet Nancy Deskau. „Wenn wir Hinweise bekommen, dass sich ein Kind in der Kita oder in der Schule auffällig verhält, dann reden wir mit den Eltern.“ Manche Eltern würden beispielsweise bei jeder Kleinigkeit ungeduldig und laut, so Nancy Deskau. Am Ende wisse das Kind nicht mehr, wann es wirklich zu weit gegangen ist.

Ähnlich verhalte es sich mit dem Motivieren. „Oft geben unsere Eltern zu schnell auf, wenn ein Kind etwas nicht schafft oder etwas nicht will“, sagt die Sozialpädagogin und erzählt von einem Bowlingnachmittag: „Ein Kind konnte die Kugel nicht treffsicher einsetzen und fand irgendwann alles blöd. Die Mutter riet ihm, aufzuhören. Also bin ich hin und habe das Kind gefragt, ob wir es zusammen probieren wollen.“ Nancy Deskau habe sich aber genauso ungeschickt angestellt und deshalb ein anderes Kind zeigen lassen, wie man die Bowling-Kugel richtig einsetzt. „Am Ende hatten alle ein kleines Erfolgserlebnis.“

Mit dem Floß auf die Werra

Aus Kostengründen blieb der Ausflug auf die Bowlingbahn eine Ausnahme. Häufiger geht das Team mit Familien im Thüringer Wald wandern. Auch ein Floß haben die Eisenacher schon gezimmert und sich damit auf die Werra getraut. Solche Unternehmungen bieten Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und sie stärken das Selbstvertrauen, ist sich Dr. Anne Röthig sicher. „Jeder, der schon mal in einer persönlichen Krise steckte, weiß: Wer resigniert auf dem Sofa hockt, dem fehlt irgendwann die Kraft für die kleinsten Alltagsaufgaben, so die Projektleiterin. Freude am Leben hingegen mache stark und erfolgreich. „Das vermitteln wir.“

Was will TIZIAN?

Die „Thüringer Initiative zur Integration und Armutsbekämpfung – Nachhaltigkeit“ (TIZIAN) unterstützt Langzeitarbeitslose mit Kindern bis zum vollendeten 15. Lebensjahr. Ziel ist es, die Chancen auf soziale, gesellschaftliche und beruflichen Teilhabe zu erhöhen. Die Teilnahme pro Familie ist auf zwei Jahre beschränkt.

Was geschieht danach?

In den bis zu zwei Jahren bilden sich Netzwerke. Die Eltern wissen, an wen sie sich bei Fragen und Problemen wenden können, und sie bleiben auch untereinander im Austausch.

Wer entscheidet, welche Familien an TIZIAN teilnehmen?

Der Vorschlag kommt vom Jugendamt oder Jobcenter. Die Mitarbeiter dort können am besten einschätzen, welche Familien offen für Hilfe sind und ob die Kinder davon profitieren würden. Die Teilnahme ist freiwillig.

Seit wann gibt es TIZIAN und wer leistet die Arbeit vor Ort?

Die Landesregierung hat TIZIAN 2009 ins Leben gerufen. Die Initiative beauftragt freie Träger, die sich regelmäßig erneut bewerben müssen. Eine Förderperiode dauert zwei bis drei Jahre. Die mittlerweile fünfte Periode beginnt im Januar 2018.

„Meine Große war begeistert“. Eine Teilnehmerin über TIZIAN

Stephanie Stieff lebt mit ihrem Mann Daniel und zwei Töchtern in Seebach im Wartburgkreis. Insgesamt zwei Jahre lang nahm die 31-Jährige an TIZIAN teil. Vor allem Sabrina, ihre ältere Tochter, sei von den Angeboten begeistert gewesen, erzählt sie.

„Mit 15 wurde ich schwanger und musste die Schule abbrechen. Den Abschluss sollte ich im Berufsvorbereitungsjahr nachholen. Dort bin ich aber bald nicht mehr mitgekommen, weil meine Tochter Sabrina oft krank war. Also bin ich dort weg, auch weil die anderen mich gemobbt hatten. Danach habe ich eine Ausbildung zur Fachlageristin am Technologie- und Ausbildungszentrum in Eisenach erfolgreich abgeschlossen.

 In dem Beruf habe ich eine Weile gearbeitet. Dann kam meine zweite Tochter und ich habe aufgehört. Mein Mann ist der Hauptverdiener bei uns, aber von nur einem Gehalt kann man nicht alles finanziell bewerkstelligen. Deshalb habe ich sofort zugesagt, als mir das Jobcenter erklärt hat, was TIZIAN macht. Ich habe zwei Mal teilgenommen, unterbrochen von einem Job als Verkäuferin. Insgesamt war ich ungefähr zwei Jahre lang dabei.

 Vor allem für Sabrina war TIZIAN prima. Die Spielenachmittage oder zusammen mit anderen Kindern ins Schwimmbad gehen – das hat ihr gefallen. Am besten fand meine Große den Ausflug in den Ferienpark Feuerkuppe. Sie hat richtig geschwärmt vom Wandern und vom Sport. Außerdem war natürlich toll, mal ein paar Tage ohne Mama und Papa zu verbringen.

Auch ich selbst fand es gut, mit den Mitarbeiterinnen von TIZIAN zu sprechen und in den Unterricht zu gehen. Frau Deskau und Frau Baumann haben mir zum Beispiel bei Bewerbungen geholfen. Außerdem haben sie mich auf ein paar Sachen aufmerksam gemacht, die meine Kinder betreffen. Ich war beispielsweise immer ziemlich genervt, wenn die Große bei den Hausaufgaben lautstark gebrabbelt hat. Frau Deskau hat mir erklärt, dass Selbstgespräche Kindern helfen, sich Sachen zu merken. Seitdem lasse ich die Kinder schnabbeln.

Darüber hinaus organisieren wir bei einem zwölfmonatigen Einsatz mindestens 25 Seminartage und zahlen eine Art Gehalt. Für 85 unserer 120 Freiwilligen kommt dieses Geld anteilig vom Europäischen Sozialfonds und vom Freistaat Thüringen. Dafür sind wir sehr dankbar. Denn ohne Förderung könnten es sich viele FSJ-Einsatzstellen nicht leisten, Freiwillige zu beschäftigen.

Prioritätsachse B

Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung von Armut und jeglicher Diskriminierung

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Sie wollen sich auch aus dem ESF fördern lassen – hier geht’s zur Aktivierungsrichtlinie.

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