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Integration

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Netzwerken, Aufklären, Strukturieren. Integrationsmanagement im Wartburgkreis

Rund 800 Geflüchtete leben im Wartburgkreis, und viele von ihnen werden in Thüringen bleiben. Um ihre Integration zu unterstützen, hat der Landkreis im Mai 2016 einen Integrationsmanager berufen. Er heißt Stephan Panhans, stammt aus Schmalkalden und versteht sich als Schnittstelle für Behörden und als Ansprechpartner für ehrenamtliche Helfer. So wie seine 16 Kolleginnen und Kollegen in anderen Landkreisen bezieht der 30-Jährige sein Gehalt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

Stephan Panhans
Stephan Panhans hat Arabistik und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert. Sein Interesse für den Islam und die Kultur des arabischen Sprachraums entdeckte er als Soldat auf dem Balkan.

Herr Panhans, wozu braucht ein Landkreis einen eigenen Manager für die Integration von Geflüchteten?

2015 überstieg die Zahl der Zuwanderer das gewohnte Maß erheblich. Den Verantwortlichen im Wartburgkreis war schnell klar, dass die bisherigen Strukturen an ihre Grenzen kommen. Es bedurfte dringend einer Schnittstelle zwischen den beteiligten Behörden, sowie den Ämtern innerhalb und außerhalb des Landratsamtes. Außerdem gab es niemanden, der die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen koordinierte und für Fragen zur Verfügung stand. Dank der finanziellen Unterstützung des ESF und des Freistaats Thüringen war es möglich, eine Vollzeitstelle für diese Tätigkeiten zu schaffen. Ich freue mich darüber, die Stelle bekommen zu haben. Der Job ist anspruchsvoll und ich erlebe täglich, dass ich gebraucht werde.

Mit den Geflüchteten selbst haben Sie eher weniger zu tun?

In meiner Arbeit begegne ich oft auch Geflüchteten. Im Kern besteht meine Aufgabe aber darin, Konzepte zu erstellen, Strukturen zu verbessern und die Akteure im Landkreis zu vernetzen. Hier auf dem Land ist das wegen der beträchtlichen Distanzen eine Herausforderung. Während sich die Arbeitskreise in Städten wie Erfurt oder Jena relativ problemlos zusammenfinden, sind die Akteure im Wartburgkreis oft ein, zwei Stunden unterwegs. Termine wollen also gut organisiert sein. Darüber hinaus helfe ich bei konkreten Problemen.

Arbeitskreis
Infos an Ehrenamtler

Zum Beispiel?

Nehmen wir den Wechsel von einem Rechtskreis in den anderen. So lange das Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) läuft, ist das Versorgungsamt des Wartburgkreises für Betreuung und Unterkunft zuständig. Bescheidet das BAMF den Asylantrag positiv, unterliegt der Antragsteller schlagartig den Paragrafen des Sozialgesetzbuchs II. Das bedeutet unter anderem, dass sich der Geflüchtete beim Jobcenter des Kreises anmelden muss. Dieser Kampf mit Formularen und Fristen überfordert oft sogar ehrenamtliche Helfer. Also haben wir uns mit den Jobcentern und beteiligten Ämtern zusammengesetzt, ihre Anforderungen aufgenommen und besprochen, was wir unseren Ehrenamtlern vermitteln müssen. Die Geflüchteten können ihre Fragen darüber hinaus im Willkommens-Center stellen, das wir im November 2016 in Bad Salzungen gegründet haben.

Um welche Fragen geht es besonders häufig?

Wer die Anerkennung in der Tasche hat, muss sich bei der Krankenkasse anmelden, gegebenenfalls Kindergeld beantragen, braucht ein Bankkonto und eine eigene Wohnung. Bei der Suche unterschätzen Zuwanderer oft die Kosten, weil sie nicht wissen, dass zur Kaltmiete in Deutschland beträchtliche Betriebskosten hinzukommen. Auch die Pflicht zur An- und Ummeldung bei den unterschiedlichen Einrichtungen und Kommunen ist für die anerkannten Asylbewerber oft ein Rätsel. Auf solche Fallen und Herausforderungen weisen wir hin.

Stephan Panhans

Wenn es um die Grundlagen von Integration geht, ist meist von Sprachkenntnissen die Rede. Reichen die für eine Perspektive?

Kontinuierliche Sprachkurse sind extrem wichtig, und je schneller sich Zuwanderer trauen, mit den Einheimischen auf Deutsch zu reden, desto besser. Mindestens ebenso bedeutsam sind allerdings die beruflichen Perspektiven direkt vor Ort. Unternehmen in der Region sind nur dann bereit, in Praktikanten und Auszubildende zu investieren, wenn diese auch bleiben wollen. Das ist im ländlichen Raum nicht selbstverständlich. Denn genau wie einige jugendliche Thüringerinnen und Thüringer auch wünschen sich junge Zugewanderte aus Syrien, Eritrea oder dem Iran direkten Kontakt zu ihren Freunden und tendieren zu einem Leben in der Stadt. Wir bemühen uns deshalb, anerkannte Asylsuchende auch im Wartburgkreis beziehungsweise der Region zu halten.

Wenn das Herkunftsland als sicher gilt, muss ein Asylbewerber Deutschland in der Regel verlassen. Wie reagieren die Ehrenamtlichen darauf?

Das löst oft Frust und Enttäuschung aus. Viele Ehrenamtliche bauen verständlicherweise persönliche Beziehungen zu den Zuwanderern auf, die sie unterstützen. Zugleich sensibilisieren wir immer wieder dafür, dass eine Freundschaft abrupt enden kann, falls der Betroffene in seine Heimat zurückkehren muss. Oft wenden Ehrenamtliche ein, in Deutschland würden doch Fachkräfte gesucht. Wir verweisen dann darauf, dass der Betroffene durch eine erfolgreiche Bewerbung bei einem Unternehmen nach Deutschland zurückkehren kann. Die Gesetzeslage für diese Art der Zuwanderung ist nun einmal völlig anders als für Asyl. Darüber hinaus klären wir unsere Ehrenamtlichen in einem Leitfaden darüber auf, welche Art der Unterstützung sinnvoll und realistisch ist. So beugen wir Ernüchterung vor.

Arbeiten

Wie gestaltet sich das Zusammenleben von Stammbevölkerung und Geflüchteten?

Im Großen und Ganzen gut. An den fünf Standorten für Gemeinschaftsunterkünfte im Wartburgkreis kam immer mal wieder die Frage auf: Wieso gerade bei uns? Darauf reagieren wir mit Angeboten, einander kennenzulernen. Sehr simpel, aber wirkungsvoll sind beispielsweise interkulturelle Veranstaltungen, Kochabende oder Nähkurse vor Ort. Auch das gemeinsame Arbeiten rund um die jeweilige Unterkunft ist eine willkommene Alternative, die allen hilft. Und nicht zuletzt haben Geflüchtete die Möglichkeit, kleine Jobs anzunehmen, beispielsweise bei den örtlichen Bauhöfen. So kommen sie unter Leute und zeigen Gesicht. Das ist ungeheuer wichtig, um Vorurteile abzubauen.

Geflüchtete lokal integrieren

Die Landesregierung unterstützt die Integration von Geflüchteten vor Ort mit der „Thüringer Initiative für lokales Integrationsmanagement in den Kommunen“ (ThILIK). Seit 2016 wurden in 15 Thüringer Landkreisen und kreisfreien Städten 17 Integrationsmanagerinnen und -manager berufen, um die Zusammenarbeit aller Akteure in den Behörden und mit der Zivilgesellschaft zu organisieren.

ThILIK finanziert sich aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Freistaats Thüringen. Grundlage dafür ist die Armutspräventionsrichtlinie. Bis Ende 2017 erhalten die Kommunen bis zu 1,7 Millionen Euro vom ESF.

Prioritätsachse B

Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung von Armut und jeglicher Diskriminierung

Mehr über die Prioritätsachse

Sie wollen sich auch aus dem ESF fördern lassen – hier geht’s zur Armutspräventionsrichtlinie.

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