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Bildung

EIGENE STÄRKEN FINDEN.

Fit für Werkbank und Büro. Ein Verein im Nordwesten Thüringens bringt Jugendliche und Unternehmen zusammen

Es klingt paradox: Die Wirtschaft sucht händeringend Auszubildende, und trotzdem finden manche Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Der Firmenausbildungsverbund Nord-West-Thüringen baut Brücken zwischen beiden Seiten. Beispielsweise informiert der Verein an Schulen über berufliche Möglichkeiten in der Region und organisiert einen Teil der Ausbildung. Außerdem begleiten Mentorinnen und Mentoren Auszubildende, die im Betrieb oder an der Berufsschule überfordert sind. Gefördert wird diese Arbeit vom Europäischen Sozialfonds.

Frank Seiler ist weder Lehrer noch arbeitet er in der Schulaufsicht. Dennoch verbringt der 50-Jährige viel Zeit in Klassenräumen. Der Geschäftsführer des Firmenausbildungsverbunds Nord-West-Thüringen e.V. (FAV) und zwei weitere sogenannte Übergangskoordinatoren sprechen mit Mädchen und Jungen über deren berufliche Zukunft. „Nicht alle Siebt- oder Achtklässler haben ausreichend konkrete Vorstellungen“, beobachtet Frank Seiler. „Wenn es hochkommt, können sie zehn Ausbildungsberufe aufzählen.“ Dabei hätten Jugendliche allein bei den Mitgliedsunternehmen des FAV mehr als 60 Optionen.

Hemmschwellen senken

Dem Verein gehören fast 200 Betriebe im Unstrut-Hainich-Kreis und im Eichsfeld an. Die Bandbreite reicht von der Ein-Frau-Werkstatt bis zum überregional bekannten Unternehmen mit 750 Mitarbeitenden. Allen gemeinsam ist, dass sie ausbilden möchten, geeigneten fachlichen Nachwuchs aber oft vergeblich suchen. „Als Übergangskoordinatoren informieren wir darüber, welche Aufgaben potenzielle Bewerber erwarten“, so Frank Seiler. Interessierte könnten sich dann entweder bei den Unternehmen direkt melden – oder aber beim FAV. „Die Möglichkeit, sich von uns vermitteln zu lassen, senkt bei vielen leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern die Hemmungen“, erlebt der studierte Ingenieurpädagoge. „Wir helfen bei der Bewerbung und sind auf Wunsch beim Erstgespräch dabei.“

 

Risiken abfedern

Viele Thüringer Unternehmen sind allerdings zu klein, um den gesamten praktischen Teil einer Ausbildung abzudecken. Als Beispiel nennt Frank Seiler den Beruf des Konstruktionsmechanikers, der die Kenntnis von vier Schweißtechniken erfordert. Bietet der Betrieb nur eine dieser Techniken an, muss er die übrigen extern erlernen lassen. Der FAV berät seine Mitglieder, wie sie solche gesetzlichen Auflagen erfüllen, und organisiert Lehrgänge. Für die Finanzierung hat er sich einen Partner gesucht: Der Europäische Sozialfonds fördert Lehrgänge, die zur Ausbildung der FAV-Azubis erforderlich sind. „Die Förderung federt Risiken ab, die insbesondere kleine Unternehmen daran hindern könnten, in die Ausbildung ihres Nachwuchses zu investieren“, ist sich Frank Seiler sicher.

Lösungen finden

Das gelte ganz besonders auch für das Mentorenprogramm, das der ESF seit Juni 2016 finanziert. Die Ausbilderinnen Gabriele Pflieger und Susanne Klug sowie der Mechatroniker Enrico Bremer begleiten im Vereinsgebiet insgesamt 60 Azubis. Ihre Kompetenzen und Erfahrungen sind gefragt, wenn Mitgliedsunternehmen des FAV Probleme mit ihren Azubis nicht alleine lösen können. „Auf diese Weise wahren Jugendliche auch dann ihre Chance auf einen erfolgreichen Berufsabschluss, wenn die Situation für alle Beteiligten schwierig wird,“ ist sich Frank Seiler sicher.

„Ein echter Glücksgriff“. Das FAV-Mentorenprogramm

Julian Klomfaß lernt im dritten Jahr Fachkraft für Lagerlogistik bei einem Online-Versand in Leinefelde. Von Beginn an stand ihm Gabriele Pflieger zur Seite. Die Sozialpädagogin arbeitet als Mentorin beim Firmenausbildungsverbunds Nord-West-Thüringen e.V. (FAV).

Julian Klomfaß im Gespräch mit Gabriele Pflieger

„Für mich war die Schule nach der neunten Klasse beendet. Also stand ich mit 16 vor der Frage, welchen Job ich in der Nähe lernen kann. Die Entfernung war wichtig. Ich durfte ja noch kein Auto fahren. Bei einer Berufsmesse nahm ich das Prospekt des Firmenausbildungsverbunds mit und vereinbarte einen Termin. 

Der FAV hat nach meinen Stärken und Interessen gefragt und mich gut beraten. Sie meinten, ich solle mich mal bei einem Online-Versand vorstellen, der einen Azubi in der Lagerlogistik sucht. Frau Pflieger hat mir bei der Bewerbung geholfen, und ich wurde dann auch gleich genommen. Ein echter Glücksgriff. Die Arbeit macht Spaß, ich habe nette Kollegen, und wenn ich die duale Ausbildung mit guten Noten abschließe, habe ich die Realschule automatisch doch noch geschafft.

Damit das klappt, fragt Frau Pflieger regelmäßig in der Berufsschule nach, wo ich mich verbessern muss. Bisher läuft alles prima, aber falls nötig würde ich Nachhilfe bekommen. Außerdem bespricht sie mit meinen Ausbildern, was ich extern lernen sollte, beispielsweise Gabelstaplerfahren. Vielleicht mache ich nach der Abschlussprüfung sogar noch weiter und lasse mich zum Meister ausbilden.“

„Jugendliche mit Hauptschulabschluss haben so gute Chancen auf dem Ausbildungsmarkt wie noch nie. So mancher junge Mensch benötigt allerdings Hilfe, um alle Hürden der Ausbildung zu nehmen. Als Mentorinnen und Mentoren bewahren wir unsere Schützlinge vorm Scheitern und die Ausbildungsbetriebe vor negativen Erfahrungen.

Bei Julian mache ich mir keine Sorgen. Bei anderen hingegen kann meine Arbeit recht aufwändig werden. Ein Beispiel. Einer meiner Azubis geriet schon im ersten Jahr in eine Krise. Er war dem Leistungsdruck einer dreieinhalbjährigen Ausbildung offensichtlich nicht gewachsen. Das galt für den betrieblichen Teil genauso wie für die Berufsschule. Also habe mit allen Verantwortlichen gesprochen und mich anschließend mit dem jungen Mann und seinen Eltern zusammengesetzt. Am Ende beschlossen wir gemeinsam, die Ausbildung umzuwandeln: fachverwandt, aber nur zweijährig.

 Das ESF-geförderte Mentorenprogramm hat sich schon nach einem Jahr in der Praxis bewährt. Es ergänzt die Angebote der Agentur für Arbeit, mit der wir eng zusammenarbeiten, und die Mitgliedsunternehmen sind zufrieden. Vor allem in kleineren Betrieben fehlen oft Zeit und Know-how, um Jugendlichen eine Chance zu geben, die etwas mehr Betreuung brauchen. Wir helfen dabei, eine vollwertige Ausbildung zu garantieren.“

Gabriele Pflieger

Prioritätsachse C

Investitionen in Bildung, Ausbildung und Berufsbildung für Kompetenzen und lebenslanges Lernen

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