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Integration

DAS EIGENE SELBSTVERTRAUEN FESTIGEN.

Raus aus dem Labyrinth. Wie die Caritas Langzeitarbeitslose unterstützt.

„Langzeitarbeitslose erwerbsfähige Hilfebedürftige“ – das ist ein bürokratischer Sammelbegriff für Menschen, die in der Leistungsgesellschaft schwer Tritt fassen. Dahinter verbergen sich oft persönliche Schicksale, die einen zweiten und dritten Blick lohnen. So jedenfalls sieht das Peter Feistel. Als Projektleiter von Caritas für Arbeit in Erfurt unterstützt er gemeinsam mit seinem Team Langzeitarbeitslose dabei, sich Schritt für Schritt wieder eine berufliche Perspektive zu erarbeiten. Der Europäische Sozialfonds fördert dieses Vorhaben.

Als „langzeitarbeitslos“ gilt bereits, wer mindestens ein Jahr ohne Job ist. Ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind aber schon länger arbeitslos, oder?

Wir betreuen in der Tat überwiegend Menschen, die deutlich länger auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Ob und wie stark jemand unter Arbeitslosigkeit leidet, lässt sich aber nicht an Zeiträumen festmachen. Manche fallen schon nach einem halben Jahr in ein Loch. Ihr Selbstwertgefühl leidet extrem darunter, scheinbar nicht gebraucht zu werden. Sie werden antriebslos und schwermütig. Andere richten sich in der Langzeitarbeitslosigkeit ein und finden in außerberuflichen Aufgaben eine teilweise Erfüllung.

Zum Beispiel?

Manche bleiben länger als üblich für die Kinder zu Hause oder kümmern sich um die Enkel. Auch in einem Kleingarten gibt es fast immer etwas zu tun, und selbst ein Hund kann zum Lebensmittelpunkt werden. Psychosozial betrachtet ist das vollkommen legitim. Aus gesellschaftlicher Sicht hingegen ist es bedauerlich, dass menschliche Potenziale brachliegen.

Will sich jemand überhaupt noch auf einen Job einlassen, der sich jahrelang an den Rand gedrängt fühlt?

Erfreulicherweise sagen viele Langzeitarbeitslose von sich aus: Ich will etwas leisten, ich will mich nicht hängen lassen. Andere müssen wir erst Schritt für Schritt aus ihrem Labyrinth holen. Langzeitarbeitslosigkeit hat häufig zur Folge, dass Betroffene sich abkapseln. Sie werden scheu und zweifeln an ihren Fähigkeiten. Wir hören oft reflexartig den Satz: „Das kann ich nicht“.

Wie reagieren Sie darauf?

Wir stellen eine Gegenthese auf: „Ich kann das, wenn ...“ Wir finden also gemeinsam heraus, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Langzeitarbeitsloser wieder Tritt fasst. Kürzlich saß mir eine Frau gegenüber, die lange mit ihrem Status als Hausfrau zufrieden war und phasenweise in Reinigungsfirmen gejobbt hat. Jetzt hat sie die Kraft gefunden, sich von ihrem dominanten Mann zu trennen, und beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Dabei unterstützen wir sie in kleinen Schritten. Als erstes haben wir professionelle Bewerbungsfotos bezahlt. Neue Bewerbungsunterlagen sind ebenfalls fällig.

Um wieder als Reinigungskraft zu arbeiten?

Die Frau ist Mitte 50. Rücken, Knie und Hüfte wollen nicht mehr wie früher. Wir werden also im nächsten Termin gemeinsam Kompetenzen und Potentiale herauszufinden, an sie von alleine möglicherweise noch nicht denkt. Denn Langzeitarbeitslose betrachten ihr Leben häufig als einzigen Misserfolg und blenden aus, was sie außerhalb des Beruflichen gelernt und geleistet haben. Deshalb ist es zunächst wichtig, den Blick nach vorne zu lenken – auf die Chancen.

Welche Chancen sehen Sie für ältere Langzeitarbeitslose?

Wer erst Anfang 50 ist, dem bleiben 15 Jahre bis zur Rente. Da kann sich eine Weiterbildung lohnen, zumal auch ältere Fachkräfte wieder gefragt sind. In einigen Fällen empfiehlt es sich hingegen, alte Berufswünsche aufzugeben und etwas Neues anzufangen. Oder wir schauen uns Tätigkeiten an, die jenseits des Broterwerbs gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Egal ob im Breitensport, bei der Integration von Geflüchteten oder im Umweltschutz: In vielen Bereichen des Lebens liefe wenig ohne Ehrenamtliche. Der Bundesfreiwilligendienst kann beispielsweise eine Alternative für Über-60-Jährige sein, die eine anspruchsvolle, gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit einem geringqualifizierten Mini-Job vorziehen.

Fällt es jüngeren Menschen leichter, Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu finden?

Wie intensiv wir unterstützen müssen, hängt nur bedingt vom Alter ab. Knapp ein Viertel unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist älter als 50 Jahre, die anderen sind teilweise sehr viel jünger. Besondere Herausforderungen kommen eher dann auf uns zu, wenn gleich mehrere Hindernisse einer geregelten Tätigkeit entgegenstehen.

Woran denken Sie konkret?

Wir begleiten beispielsweise eine junge Frau, die zwei Ausbildungen abgebrochen hat, sich alleine um ein kleines Kind kümmert und der es schwerfällt, Termine einzuhalten. Zu Beginn haben wir gemeinsam mit der Teilnehmerin Ziele formuliert und so eine stabile und motivierte Zusammenarbeit erreicht. Anschließend galt es, für Kinderbetreuung zu sorgen. Wir haben einen Platz in einer Kindertagesstätte gesucht und das Umfeld einbezogen, konkret die Oma und eine Nachbarin. Das Zeitfenster einer alleinerziehenden Mutter bleibt trotzdem eng. Schichtarbeit kommt meistens nicht infrage. Daher konzentrieren wir uns auf eine mögliche Nebentätigkeit. Diese soll als Brücke in eine spätere Ausbildung dienen, für die es allerdings noch einer gründlichen Berufsorientierung bedarf.

Legen Sie bei Unternehmen ein gutes Wort für Ihre Schützlinge ein?

Wenn sie damit einverstanden sind, nehmen wir gerne Kontakt auf. Wir erläutern den Unternehmen beispielsweise, wieso sie Geduld mit einer Teilnehmerin oder Teilnehmer haben sollten. Zugleich klären über Fördermittel auf, mit denen der Staat den möglicherweise erhöhten Aufwand ausgleicht. Und falls gewünscht stehen wir beiden Seiten auch dann noch als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben.

Was treibt Sie an, Herr Feistel?

Mich motiviert es beispielsweise, wenn Langzeitarbeitslose guten Willen zeigen. Und besonders zufrieden gehe ich nach positiven Überraschungen nach Hause. Letztens stand ein ehemaliger Teilnehmer mit einem Päckchen Kaffee bei uns im Büro. Er hatte Arbeit gefunden und wollte sich bei uns für die Hilfe bedanken. Das sind Momente, die uns glücklich machen.

Prioritätsachse B

Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung von Armut und jeglicher Diskriminierung

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